Wie realistisch ist das Bild, das wir von 70-Jährigen haben?

Wer kennt sie nicht: die 70-Jährigen in Filmen, Serien oder Nachrichten – eigenbrötlerisch, stur, mit unterstellter Demenz. Kaum eine Altersgruppe wird so zuverlässig mit Vergesslichkeit, Krankheit und Schwäche verbunden wie die der 70-Jährigen.

Und gleichzeitig passiert in der Realität etwas völlig anderes: Unser Bundeskanzler Friedrich Merz wird im November 70. Genau jenes Alter also, das im Fernsehen für Hilflosigkeit steht – während er in der Wirklichkeit politische Entscheidungen von höchster Tragweite trifft.

Dieser Kontrast wirft eine Frage auf: Wie realistisch ist das Bild, das wir von 70-Jährigen haben?

Das Klischee

Die Zahl „70“ löst bei vielen sofort bestimmte Assoziationen aus: graue Haare, gesundheitliche Probleme, Rückzug ins Private. In Geschichten wird diese Lebensphase fast automatisch mit „Abbau“ verknüpft – körperlich, geistig, sozial. Das Bild vom schwachen, vergesslichen, hilfsbedürftigen Menschen prägt unsere Vorstellung stärker, als uns lieb sein kann.

Natürlich: Krankheiten wie Demenz oder körperliche Einschränkungen treten häufiger auf, je älter man wird. Es wäre falsch, das zu leugnen. Aber ist das wirklich die Realität der meisten 70-Jährigen?

Die Realität

Ein Blick in Statistiken zeigt ein anderes Bild:

  • Lebenserwartung: Ein 70-jähriger Mann in Deutschland hat im Schnitt noch 13 Lebensjahre vor sich, eine Frau sogar 16.
  • Gesundheit: Viele dieser Jahre sind weitgehend gesund und aktiv.
  • Gesellschaftliche Teilhabe: 70-Jährige engagieren sich überdurchschnittlich oft ehrenamtlich, sind kulturell aktiv – und nicht wenige bleiben beruflich länger tätig.

Mit anderen Worten: „70“ ist längst nicht mehr der Anfang vom Ende, sondern für viele der Beginn einer neuen, eigenständigen Lebensphase.

Prominente Gegenbilder

Neben Friedrich Merz gibt es zahllose Beispiele: Iris Berben ist 73 und eine der gefragtesten Schauspielerinnen Deutschlands. Udo Lindenberg füllt mit 78 noch Stadien. Jane Fonda mit 87 ist eine internationale Aktivistin. Sie alle verkörpern das Gegenteil des gängigen Klischees – und doch prägen die Bilder von Hilflosigkeit unser Denken stärker als diese Vorbilder.

Warum hält sich das Bild vom „alten Alten“?

Vielleicht, weil es Sicherheit gibt: Wenn die Älteren schwach sind, müssen die Jüngeren Verantwortung übernehmen – und fühlen sich selbst jung. Vielleicht auch, weil es einfacher ist, Menschen in Schubladen zu stecken, anstatt ihre Vielfalt zu sehen.

Doch die Wahrheit ist: Mit 70 gibt es nicht das eine Bild. Es gibt den Marathonläufer ebenso wie die Demenzpatientin, den Kanzler ebenso wie die Rentnerin mit Enkelkindern. 70 ist heute ein Mosaik aus Möglichkeiten, Brüchen, Chancen und Grenzen.

Fazit 70 ist nicht nur „alt“. 70 steht für Vielfalt, Aktivität und Gegensätze – und damit für ein Altersbild, das wir neu denken müssen.

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