Ab Januar 2026 will die Bundesregierung die sogenannte „Aktivrente“ einführen. Sie soll Anreize schaffen, über das Rentenalter hinaus zu arbeiten oder nach dem Ruhestand wieder einzusteigen.
Klingt modern und sinnvoll – gerade angesichts des Fachkräftemangels.
Doch wer die Realität des Arbeitsmarkts kennt, merkt schnell: Die Aktivrente verkennt, wie der Arbeitsmarkt tatsächlich mit älteren Menschen umgeht.
Zwei Gruppen, zwei Realitäten
Es gibt zwei sehr unterschiedliche Gruppen, die von der Aktivrente profitieren sollen:
- Menschen, die das Rentenalter erreichen und gerne weiterarbeiten möchten.
Viele sind gesund, erfahren und motiviert, ihr Wissen weiterzugeben – in Teilzeit, als Mentor oder Projektmitarbeiter. - Menschen, die bereits im Ruhestand sind und wieder einsteigen wollen.
Sie wollen nicht nur finanziell etwas hinzuverdienen, sondern auch geistig aktiv bleiben, soziale Kontakte pflegen oder ihrer Lebensaufgabe nachgehen.
Doch gerade für diese zweite Gruppe ist der Wiedereinstieg fast unmöglich.
Zahlreiche Rückmeldungen von Leserinnen und Lesern auf Potential70.de bestätigen das: Bewerbungsgespräche bleiben aus, Jobangebote sind rar – und wenn, dann auf niedrigstem Niveau.
Was der Arbeitsmarkt wirklich anbietet
Ich habe mir die Mühe gemacht, Jobangebote für Senioren in den großen Jobbörsen anzusehen. Das Ergebnis ist ernüchternd: Für ältere Bewerber werden fast ausschließlich Tätigkeiten wie Reinigungskraft, Küchenhilfe oder Regalauffüller im Supermarkt angeboten.
Das zeigt ein beunruhigendes Bild:
Offenbar traut man älteren Menschen nichts anderes mehr zu – weder Fachwissen noch Verantwortung noch Führungsqualitäten.
Dabei gibt es unzählige erfahrene Ingenieure, Lehrerinnen, Handwerksmeister oder Führungskräfte, die bereit wären, sich weiterhin einzubringen. Aber der Arbeitsmarkt bietet ihnen keine echten Perspektiven.
„Die Alten nehmen den Jungen die Arbeit weg“ – ein Märchen
Oft wird gegen die Weiterbeschäftigung älterer Menschen argumentiert, sie würden den Jüngeren die Arbeitsplätze wegnehmen.
Das klingt logisch – ist aber schlicht falsch.
Studien zeigen immer wieder: In Gesellschaften, in denen Ältere länger arbeiten, entstehen keine Verluste für Jüngere – im Gegenteil.
Wenn ältere Beschäftigte bleiben,
- bleibt Wissen im Unternehmen,
- wird Nachwuchs besser eingearbeitet,
- und entstehen neue Rollen (z. B. Mentoring, Schulung, Qualitätssicherung),
die ohne sie gar nicht existieren würden.
Das Problem ist also nicht Konkurrenz, sondern fehlende Integration.
Statt Generationen gegeneinander auszuspielen, sollten wir endlich verstehen: Alt und Jung ergänzen sich – sie ersetzen sich nicht.
Warum der Wiedereinstieg weiterhin scheitert
Es sind nicht die älteren Menschen, die versagen – es ist das System, das sie ausbremst.
1. Fehlende Offenheit in der Unternehmenskultur
In vielen Firmen gilt jung als dynamisch und alt als auslaufendes Modell. Mitarbeitende ab 50 werden oft schleichend aus dem Berufsleben gedrängt.
2. Vorurteile über Leistungsfähigkeit
Noch immer hält sich die Vorstellung, dass ältere Beschäftigte weniger flexibel oder weniger digital sind – völlig an der Realität vorbei.
3. Keine passenden Arbeitsmodelle
Flexible Teilzeit, Wissenstransfer-Programme oder Mentor-Rollen für Senior Professionals sind selten. Dabei wäre genau das ein Gewinn für Unternehmen – gerade in Zeiten des Fachkräftemangels.
Das Ergebnis ist, dass Erfahrung systematisch ausgeschlossen wird, obwohl sie dringend gebraucht wird.
Was sich wirklich ändern muss
Wenn die Aktivrente 2026 mehr sein soll als ein politisches Symbol, braucht es mehr als steuerliche Anreize.
Es braucht einen echten Kulturwandel in Wirtschaft und Gesellschaft.
- Neue Altersbilder:
Wir müssen aufhören, Alter mit Rückschritt gleichzusetzen. Viele Menschen sind mit 70 fitter, erfahrener und kreativer als jemals zuvor. - Flexible Arbeitsmodelle:
Ob Teilzeit, Beratung, Projektarbeit oder ehrenamtliche Aufgaben – Arbeit im Alter muss sich dem Leben anpassen, nicht umgekehrt. - Wertschätzung statt Altersgrenzen:
Statt Ältere „beschäftigt zu halten“, sollten wir sie aktiv einbinden. Es geht nicht darum, „länger zu schuften“, sondern darum, das vorhandene Potential sinnvoll einzusetzen – für alle Seiten.
Fazit: Aktivrente ja – aber bitte mit Realitätssinn
Die Aktivrente 2026 ist ein Schritt in die richtige Richtung – aber solange ältere Menschen auf dem Arbeitsmarkt keine Wertschätzung erfahren, bleibt sie Symbolpolitik. Die Zukunft der Arbeit ist nicht jung oder alt – sie ist gemeinsam.
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